Zurück zum Ursprung: Ein Blick auf den Barfußtrend

Seit etwa zehn Jahren ist in der Schuhwelt eine Tendenz zum Minimalismus spürbar. Besonders auffällig zeigt sich das in der Laufschuhszene. Unser Blog-Beitrag heute wird diesen Trend genauer unter die Lupe nehmen.

Der moderne Laufschuh, wie wir ihn heute kennen, existiert erst seit den 70er Jahren und ist damit eine recht neue Erfindung. Bereits nach kurzer Zeit stellten allerdings einige Trainer fest, dass ihre Athleten mit diesen Schuhen einen schlechteren Laufstil hatten und auch verletzungsanfälliger waren[1]. Einige dieser Sportler mieden folglich die neuen Schuhe oder legten zusätzliche Trainingseinheiten ein, die barfuß absolviert wurden. Die große Masse der Läufer vertraute hingegen den großen Laufschuhmarken und kaufte Schuhe, die zunehmend technisierter wurden. Als 2009 Christopher McDougall das Buch „Born to Run: Ein vergessenes Volk und das Geheimnis der besten und glücklichsten Läufer der Welt“ (dt. Ausgabe 2010 [1]) veröffentlichte, verbreitete sich rasant eine neue Barfußphilosophie. Der Autor, Hobbyläufer und Journalist, begibt sich dabei auf die Suche nach der Antwort, warum ihn so häufig Verletzungen plagen, obwohl wir Menschen doch fürs Laufen geboren sind und dies schon seit Millionen Jahren tun. Seine Reise bringt ihn zum mexikanischen Volk der Tarahumara, die als die besten Läufer der Welt gelten. Obwohl sie täglich zig Kilometer zurücklegen, kennen sie die typischen Läuferverletzungen kaum. Dabei tragen sie lediglich einfache Sandalen aus alten Gummireifen, sogenannte Huaraches, deren einzige Funktion darin besteht, die Fußsohle vor spitzen Steinen zu schützen.

Dieses Buch sorgte für viel Aufruhr in der Läufer- und Schuhszene. Es kam zu einem regelrechten Barfußboom. Zahlreiche Barfußakademien wurden gegründet, um die richtigen Techniken zum Barfußlaufen und -gehen zu vermitteln. Der Büchermarkt wurde von einer Vielzahl an Büchern zum Thema geflutet. Die größte Auswirkung hatte dieser Trend wohl auf den Laufschuhmarkt. Obwohl Nike bereits 2004 das erste Modell der Free-Serie auf den Markt brachte, stieg die Nachfrage nach minimalistischen Schuhen erst sechs Jahre später rasant an. Zu Nike gesellten sich weitere große Schuhhersteller, die nun minimalistische Serien anboten. Daneben entstanden und etablierten sich auch einige Marken, die ausschließlich Schuhe für ein natürlicheres Laufgefühl herstellen. Dabei wurden nicht nur konventionelle Laufschuhe auf den Prüfstand gestellt, sondern auch die üblichen Alltagsschuhe.

Die Auswirkungen konventioneller Schuhe

Von wissenschaftlicher Seite wird diese Entwicklung durch den Evolutionsbiologen Daniel Lieberman (Harvard University in Cambridge, Massachusetts) gestützt. Er fand heraus, dass Läufer, die zumeist Schuhe tragen, direkt auf der Ferse landen, ohne dass der Aufprall gedämpft wird [2]. Dabei wirken Kräfte, die in etwa dem dreifachen Körpergewicht entsprechen. Läufer, die hingegen gewöhnlich barfuß laufen, neigen dazu, zunächst mit dem Ballen aufzusetzen, bevor die Ferse den Boden berührt. Dadurch können die Sehnen und Muskeln im Fuß und im Unterschenkel die Aufprallkraft auf 60 % des Körpergewichts reduzieren.

Das heißt, konventionelle Schuhe zwingen uns einen unnatürlichen Gang auf, für den unser Bewegungsapparat eigentlich nicht geschaffen ist. Die Ursache liegt in der steifen Schuhsohle, die dafür sorgt, dass die Fußmuskulatur nicht mehr verwendet wird [3] und stattdessen die Ferse zuerst aufgesetzt wird. Zudem führt der Absatz in den meisten Schuhen dazu, dass sich die Körperbiometrie verschiebt.

Die Folgen dieser unnatürlichen Bewegungsabläufe sind Schmerzen und Verletzungen. Die fehlende Fußmuskulatur führt zu Deformierungen wir Plattfuß, Senkfuß, Knickfuß, Spreizfuß oder Hallux valgus bis hin zu Fersensporn und Achillessehnenproblemen [4]. Durch die verschobene Körperbiometrie kommt es zu muskulären Dysbalancen und Gelenkverschleiß.  Dabei äußern sich die Beschwerden nicht nur im unteren Bereich des Körpers, sondern können sich auch bis in Hüfte und Rücken fortsetzen.

Barfußlaufen als Prophylaxe und Therapie

Fest steht also, dass Barfußlaufen Gelenkverschleiß – und damit auch Gelenkersatz – vorbeugen kann. Aber auch Patienten, die bereits unter Arthrose leiden, können davon profitieren. Ein Team um Professor Shakoor fand heraus, dass flexibles Schuhwerk bei Patienten mit Kniearthrose zu einer reduzierten Belastung des Knies führen [5]. Nach 24 Wochen konnten die Wissenschaftler eine adaptierte Gangart feststellen, die auch dann bestehen blieb, wenn die Patienten konventionelle Schuhe trugen.  Auch die Patientin, die wir vor einigen Wochen interviewt haben, greift gerne gelegentlich auf Barfußschuhe zurück.

Natürlich gibt es auch Gegner dieser Barfußbewegung, die darauf hinweisen, dass Füße nach zig Jahren in Schuhen barfuß laufen nicht mehr gewohnt sind. Alle, die eine natürlichere Fortbewegung ausprobieren möchten, sollten deshalb darauf achten, dass sie sich nur langsam steigern und ergänzende Übungen durchführen. Das Barfußlaufen sollte auch nicht als Trend, den man „schnell mal für 10 km“ ausprobiert, sondern als langfristiges Ziel gesehen werden, um die Gesundheit der Füße und des Bewegungsapparates zu erhalten oder wiederherzustellen. Unerfahrene Barfußläufer sollten möglichst auf Einstiegspläne zurückgreifen, in denen Umfang und Intensität schrittweise gesteigert werden.

Minimalschuhe – die gemäßigtere Lösung

Wem Barfußlaufen zu extrem ist, der kann sich daran in sogenannten Barfuß- oder Minimalschuhen herantasten. (Auch wenn „echte“ Barfußläufer dem Begriff Barfußschuh sehr kritisch gegenüberstehen, so wird dieser gerne verwendet, um Schuhe zu kennzeichnen, die ein natürlicheres Gefühl als konventionelle Schuhe bieten.) Mittlerweile gibt es Barfußschuhe für jeden Geschmack: mit einzelnen Zehenkammern, im „Sockenlook“ oder Sandalen, die den Huaraches sehr nahe kommen. Wer eher auf unauffällige Barfußschuhe steht, die kaum von konventionellen Schuhen zu unterscheiden sind, wird ebenfalls fündig.

Dass in Barfußschuhen auch in der heutigen Zeit noch Höchstleistungen möglich sind, zeigt eine junge neuseeländische Ultraläuferin,  die 2013 beim Tarawera Ultramarathon teilnahm. Sie lief die gesamte Strecke (100 km) in Vibram Fivefingers und kam als schnellste Frau ins Ziel. In einem Interview betont sie, dass sie schon von klein auf viel barfuß gegangen ist und das Laufen in Zehenschuhen für ihren Körper keine besondere Herausforderung darstellt [6].

Trotz der zahlreichen Vorteile von Minimalschuhen kann man bei den großen Laufschuhherstellern seit wenigen Jahren ein zurückgehendes Interesse beobachten. Dennoch hat die Barfußwelle einen spürbaren Abdruck hinterlassen, indem sie viele kleinere Marken hervorgebracht hat, die weiterhin Produkte in diesem Bereich anbieten und deren Produktauswahl immer größer wird.

 

Quellen:

[1] C. McDougall, Born to Run: Ein vergessenes Volk und das Geheimnis der besten und glücklichsten Läufer der Welt. München: Karl Blessing, 2010.

[2] D. E. Lieberman, M. Venkadesan, W. A. Werbel, A. I. Daoud, S. D’Andrea, I. S. Davis, R. O. Mang’Eni, Y. Pitsiladis, Foot strike patterns and collision forces in habitually barefoot versus shod runners. Nature 2010; 463: 531-536. doi: 10.1038/nature08723

[3] N. Shakoor, R. H. Lidtke, M. A. Wimmer, R. A. Mikolaitis, K. C. Foucher, L. E. Thorp, L. F. Fogg, J. A. Block, Improvement in Knee Loading After Use of Specialized Footwear for Knee Osteoarthritis: Results of a Six‐Month Pilot Investigation. Arthritis & Rheumatism 2013; 65: 1282-1289. doi:10.1002/art.37896

[4] https://www.leguano.eu/leguano/barfussgehen [05.11.2018]

[5] N. B. Holowka, I. J. Wallace, D. E. Lieberman: Foot strength and stiffness are related to footwear use in a comparison of minimally- vs. conventionally-shod populations. Scientific Reports 2018; 8 (Article number: 3679). doi:10.1038/s41598-018-21916-7

[6] https://www.irunfar.com/2013/03/ruby-muir-2013-tarawera-ultramarathon-champ-interview.html [05.11.2018]

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